Neue Angebote, Pläne und Projekte

Der Stolzenauer Verein „378 Grad“ setzt auch weiter auf die drei Säulen Streetwork, Prävention und Diakonik

Der Stolzenauer Verein „378 Grad“ stellt sich breiter auf, knüpft weitere Kontakte und möchte durch zusätzliche Kooperationen mit unterschiedlichen Institutionen und Einrichtungen ein stabiles Netzwerk für die jungen Menschen bieten, die sich dem Griff von Drogen entziehen wollen. Zudem will der Verein denen helfen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind.

Dazu setzt „378 Grad“ auf drei Säulen: Streetwork, Prävention und Diakonik im Bereich der Gemeinde Stolzenau. Jetzt trafen sich einige Mitglieder des Vereins, um auf die Arbeit der vergangenen zwölf Monate zurückzuschauen – eine Bilanz, die sich sehen lassen kann, auch wenn es nicht darum gehe, die Erfolge allein in Zahlen zu messen. „Im Bereich Streetwork, genauer gesagt auf den Feldern Suchthilfe und Beratung, wurden allein 250 Einsätze geleistet“, schildert der Vorsitzende des Vereins, Willy Bunk.

An 90 Tagen wurde Sport angeboten, jeweils zweimal pro Woche, mittwochs und sonnabends. Unterstützt wurde der Verein dabei auch von der Gemeinde, die anfangs die Nutzung der kleinen Sporthalle auf der Stolzenauer Weserkampfbahn und mittlerweile die der großen Dreifachsporthalle am Gymnasium ermöglicht habe. „Wir sind in der Gemeinde auf offene Ohren gestoßen“, freut sich Bunk. Beim dritten Arbeitsfeld, der Diakonik, bei dem es um praktische Theologie geht, hat der Verein 83 Besuche in Kirchen unternommen. „Die Zahlen dieser Bilanz sollen uns motivieren“, unterstreicht Bunk in großer Runde. Diejenigen, die hier ehrenamtlich zupacken, auf die Stolzenauer Straßen gehen, die die komplexe Thematik von Drogenkonsum und Kriminalität aus eigenen Erfahrungen – bei sich selbst oder nahen Angehörigen nur zu gut kennen – wissen, worüber sie reden. Und sie wissen auch, was gebraucht wird – das begegnet ihnen dabei Tag für Tag.

Damit die Angebote des Vereins „378 Grad“ und das, was benötigt wird, auch in Zukunft deckungsgleich sind, hat der Verein auch neue Projekte und Angebote ins Visier genommen. So wird bei dieser Zusammenkunft nicht nur zurückgeblickt, sondern – basierend auf den bisherigen Erfahrungen – eine Weichenstellung für die künftige Arbeit vorgenommen. Denn schon die Frage von einigen Jugendlichen, ob der Verein „nur Sport anbiete“, habe gezeigt, dass der Bedarf an anderen Stellen ebenfalls vorhanden sei. „378 Grad“ verfügte bisher im Stolzenauer Jugendhaus „Wip In“ als Untermieter über eine Anlaufstelle. Mit zunehmender Arbeit sei der Wunsch gewachsen, eigene Räumlichkeiten zu haben. „Die Gemeinde schaut jetzt, wo sie uns mit Räumlichkeiten unterstützten könnte.“

Kriseneinsätze bei Drogenproblemen

Präventive Maßnahmen würden oft bekannt, doch viel Hilfe laufe in einem Bereich, der nicht öffentlich sei und auch nicht werden soll: Dazu gehören Besuche im Gefängnis, Besuche und Begleitung in der Psychiatrie, Kriseneinsätze bei Drogen- und seelischen Problemen, ein Krisentelefon, das an sieben Tage in der Woche rund um die Uhr besetzt ist, Jobcoaching, Bewerbungshilfe, Umzüge und praktische Hilfe und Unterstützung bei verwahrlosten Zuständen, die nicht selten mit einer Sucht einhergehen. Und auch als Gerichtsbeistand begleiten Vereinsmitglieder Betroffene. Und der Verein ist neue Kooperationen eingegangen, zum Beispiel eine mit dem Bibelforum aus Petershagen.

„Besonders die viele Zeit und das Engagement der Vereinsmitglieder tragen die Vereinsarbeit“, erzählt Bunk stolz. Auch Spenden erreichen den Verein – besonders Sachspenden. Nach einer Veröffentlichung, dass der Verein sich Fußballtore wünscht, habe sich jemand aus Loccum angesprochen gefühlt und die Tore gespendet. „Und das innerhalb von 24 Stunden“, schildert Bunk. So werde die Arbeit auf so vielen Feldern möglich.

Ein Zweckbetrieb soll gegründet werden

„Und wir haben etwas Großes vor“, macht der Vereinsvorsitzende deutlich. Der Verein will einen Zweckbetrieb gründen, der Arbeitseinsätze im Dienstleistungsbereich ermöglicht. In Zusammenarbeit mit dem Jobcenter verfolgt der Verein damit gleich mehrere Ziele: Zum einen können so junge Menschen mit einem Ein-Euro-Job stabilisiert werden, die auf dem ersten Arbeitsmarkt derzeit keinen Fuß fassen können. Zudem kann der Verein auf diese Weise Geld erwirtschaften, um von Spenden unabhängiger zu werden. „Es ist allerdings nicht unser Ziel, Gewinne zu erwirtschaften, sondern wir möchten diese Einnahmen direkt wieder in die Vereinsarbeit investieren.“

Gedacht ist dabei an Arbeiten im Garten- und Landschaftsbereich ebenso wie bei Abrissen, der Kfz- Aufbereitung oder auch Umzügen – wobei bei den Umzügen eher daran gedacht ist, dass nach Suchterfahrungen für die Betroffenen ein anderes Umfeld möglichst schnell und unkompliziert gefunden werden soll. In den genannten Bereichen hat sich der Verein in den vergangenen Monaten bereits erprobt. Die Situation, dass die Vereinsmitglieder sich der Themen Suchthilfe und Kriminalprävention – gestützt auf eigenen Erfahrungen – annehmen, schaffe für die jungen Leute, die dann zum Einsatz kommen (über das Jobcenter oder bei der Ableistung von Sozialstunden), eine ganz neue Kommunikationsbasis, die geprägt sein soll von Verständnis und Angenommensein. „Wir schauen auf den Menschen und auf das, was er erlebt hat, mit anderen Augen. Jeder wird angenommen, wie er ist, und jeder hat seine Stärken und Talente“, macht Clive Panther deutlich, der im Verein für den Fachbereich Holz und Handwerk verantwortlich zeichnet.

Sie unterstützen junge Menschen im Bereich Suchthilfe und Beratung, halten Sportangebote vor, sind auf den Straßen unterwegs und stehen an einem Krisentelefon zur Verfügung: hier einige Mitglieder des Vereins „378 Grad“. © Die Harke

Die Vereinsmitglieder bringen ihre Fähigkeiten ein

Kompetenzen, Talente und Fähigkeiten seien zudem auf breiter Basis im Verein vorhanden: Willy Bunk ist Sozialassistent, Heilerziehungspfleger und Diakon. Diana Bunk, die als Kassenwartin fungiert, ist ausgebildete Bürokauffrau. Die stellvertretende Vorsitzende, Faina Zubenko, absolviert derzeit eine Ausbildung zur Erziehungsberaterin.

Die Sozialassistentin Franziska Schaffrik hat die Jugendleitercard erworben; Roman Maister bringt Erfahrungen aus seiner Ausbildung als Arbeitspädagoge ebenso ein wie Oliver Busse seine Fähigkeiten im IT-Bereich, Alla Zubenko mit ihrer Ausbildung als Alltagsbegleiterin oder Matthias Derksen aus dem Bereich Altenpflege. Weil den Vereinsmitglieder besonders bei den Sportangeboten oftmals deutlicher geworden sei, dass es erhöhten Gesprächsbedarf gebe, soll jetzt immer mittwochs ab 18 Uhr in Kooperation mit der Kirchengemeinde St. Jacobi das Haus der Kirche an diesem Abend für Seelsorge, Suchthilfeberatung und Prävention – auch in russischer Sprache – zur Verfügung stehen. Einige Interessierte hätten zudem die Sportangebote nicht wahrnehmen können, weil die Familie zu Hause unterstützt werden müsse. Deshalb werde es jetzt parallel zum Sportangebot am Sonnabend auch ein Mutter-Kind- Bewegungsangebot für alle geben, die sich im Umfeld der Sucht oder im Gefährdungskreis dazu bewegen.

Clean leben und stabil bleiben

Zudem sucht der Verein „378 Grad“ ein landwirtschaftliches Anwesen oder einen Resthof im Stolzenauer Umfeld. Dort sollen zwischen fünf und sieben Familien miteinander und clean leben und stabil bleiben. „Eine Wohngemeinschaft mit niedrigschwelligen Angeboten für eine Leben-Arbeiten-Therapie“, zeigt Bunk auf. Und abschließend sagt er: „Wie die Vorhaben, Projekte und Ziele zeigen, haben wird ganz viel vor in diesem und im nächsten Jahr!“

Veröffentlicht durch „Die Harke“, Frau Reckleben